„Doktor, ich bin doch krank … „

Harald Hielscher

Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie

Wenn es in meiner Beziehung kriselt, ist mein Partner dann „toxisch“ ? Wenn mein Chef mich im Büro runtermacht, ist er dann „narzisstisch“? Wenn ich mich im Straßenverkehr über meinen Vordermann ärgere, bin ich dann „getriggert“ ? Wie kommt es, dass diese Begriffe aus der Psychotherapie in unsere Alltagsprache eingewandert sind? Wenn ich Liebeskummer habe, bin ich dann depressiv? Wie lange darf ich um einen verstorbenen Angehörigen trauern? Hat jedes ungezogene Kind ADHS? Wird denn jeder Kollege, jede Kollegin, über die im Betrieb gelästert wird, gleich „gemobbt“? Irgendwie scheinen in unser Alltagsleben Begrifflichkeiten einzudringen, die mehr mit einer Etikettierung, einem „labelling“, zu tun haben als mit einer intelligenten Beurteilung.


Diesen Prozess, dass nämlich Alltagssituationen mit medizinischen, psychiatrischen oder psychotherapeutischen Begriffen erklärt werden sollen, nennen wir „Medikalisierung“. Dahinter steckt die irrige Annahme, dass unsere Probleme, die jede-r von uns in ihrem-seinem Leben zu lösen hat, leichter erscheinen, wenn sie einen Namen haben, eine Krankheit zur Ursache haben und so schnell geheilt werden könnten. Wir erleben in unseren Sprechstunden immer mehr Menschen, vor allem jüngere, die ihre Alltagsprobleme, die sie mehr oder weniger gut bewältigen, mit medizinischen Diagnosen verwechseln. Nein, auch wenn ich zwei Jahre nach dem Tod meiner Mutter um sie trauere, bin ich nicht krank. Trauer dauert, so lange wie sie dauert, manchmal ein Leben lang. Beziehungen sind doch immer wieder irgendwie schwierig, zumindest nach den ersten Jahren, und wir müssen lernen, damit umzugehen. Da hilft es nicht, wenn wir unsere Partner als toxisch oder narzisstisch bezeichnen.
Wo das ganze herkommt? Der Hintergrund ist folgender: unser deutsches Gesundheitssystem unterliegt seit 1993 der Pflicht, alle Krankheiten nach dem ICD (International Code of Diseases) , dem Katalog aller Krankheiten, zu klassifizieren. Die dort unter „F“ aufgeführten, die seelischen, Erkrankungen werden aus einem speziellen Katalog, dem DSM, abgeleitet. Den wiederum erstellt ein Gremium aus amerikanischen Fachleuten, Psychiatern und anderen Ärzten, die diesen DSM, derzeit fünfte Auflage, gestalten dürfen. Interessanterweise erfinden diese Spezialisten laufend neue seelische Erkrankungen so zum Beispiel das „Grumpy-child-Syndrom“, die ganz schnell wechselnden Launen kleiner Kinder. Alle Eltern kennen das und würden nie auf die Idee kommen, bei ihrem Kind eine Krankheit zu diagnostizieren. Oder: die nach dem DSM erlaubte Zeit zu trauern, soll auf sechs Monate, neuerdings sogar nur noch auf vier Wochen, beschränkt bleiben, danach ist Trauer eine Krankheit. Es überrascht nicht, dass man seinerzeit herausgefunden hat, dass die meisten Mitglieder dieses Gremiums von der Pharmaindustrie bezahlt wurden. Das ist dann auch der Hintergrund der ganzen Angelegenheit: wenn mein Kind merkwürdiges Verhalten an den Tag legt, darf der Arzt Ritalin, wenn die Trauer nicht aufhören will, darf er Antidepressiva verschreiben und so weiter, all dies dient der Umsatzsteigerung der Pharmaindustrie. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: natürlich gibt es behandlungsbedürftige, auch medikamentös zu behandelnde, seelische Erkrankungen. Aber leider werden diese zu oft diagnostiziert, und so werden die Schwierigkeiten die das Leben für jede-n von uns bereithält, zu „Krankheiten“, für die es eine möglichst schnell wirkende Medizin geben soll. Dies aber ist Illusion. Denn nicht nur führen seelische Erkrankungen zu Schwierigkeiten im Leben, sondern die ungelösten Konflikte meines Lebens, im Beruf, in der Familie, in sinnvoller Lebensgestaltung oder anderswo, führen zu seelischen Erkrankungen. Da helfen keine Diagnosen, keine Pillen, sondern nur der Aufbruch zum Lösen meiner Probleme. Und dabei unterstützend zu wirken, das ist der Sinn von Psychotherapie.

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